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Du kannst das wirklich!

Hin und wieder Selbstzweifel zu haben, ist völlig normal. Doch wer unter dem so genannten „Hochstapler-Syndrom“ leidet, für den sind Zweifel an der eigenen Kompetenz permanente Begleiter. Betroffene – vor allem sind es Frauen – gehen davon aus, dass ihr Erfolg nur Glückssache sei – und dass sie jeden Moment „auffliegen” können. Kennt ihr das?

Kennt ihr den Film „Catch me if you can”? Leonardo diCaprio spielt einen Hochstapler de luxe, der keine Selbstzweifel kennt. Stattdessen tischt er der Welt wie selbstverständlich auf, was er angeblich alles ist: Pilot, Arzt, Anwalt – und die Menschen glauben ihm. Dabei hatte das Vorbild für den Film, der Hochstapler Frank Abagnale, nie eine Flugschule benutzt, geschweige denn Medizin oder Jura studiert. Aber er beherrschte eine Sache exzellent: sich als kompetent zu verkaufen, obwohl er fachlich nichts konnte. Bei Frauen ist es manchmal genau andersherum: Sie fühlen sich wie ein Hochstapler, obwohl sie ihr Fach exzellent beherrschen. Sie zweifeln an ihren eigenen Ideen und Lösungen – und sehen dann zu, wie die Alpha-Männchen in der Konferenz die Hand heben und das Lob und später die Beförderung einheimsen. Obwohl die es längst nicht besser wissen.

Vielleicht habt ihr das auch schon mal erlebt: Ihr sitzt, zum Beispiel, in einem Teammeeting – und habt eine gute Idee, die die Runde weiterbringen würde. Doch innerlich denkt ihr lange darauf herum, wägt ab und quält euch mit einem inneren Dialog (Sitzt nicht jemand in der Runde, der es besser weiß? Ist mein Gedanke wirklich originell? Blamiere ich mich am Ende gar?). Und weil ihr in diesem inner game gefangen seid, wartet ihr lieber ab, euch zu Wort zu melden. Ja und dann… ergreift der selbstbewusste Kollege das Wort, der sich mit dem Thema eigentlich gar nicht so gut auskennt. Frustrierend, nicht wahr?

Impostor-Syndrome trifft Frauen öfter als Männern

Die Wissenschaft kennt dieses Phänomen schon lange, sie nennt es Impostor-Syndrome (auch als Hochstapler- oder Mogelpackungssyndrom bekannt). In den 70er Jahren beschrieben die US-Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes erstmals die massiven Selbstzweifel, die Menschen (vor allem Frauen) mit Blick auf die eigenen Leistungen, Erfolge oder Fähigkeiten haben. Clance und Imes machten das Phänomen an erfolgreichen Frauen fest, die – trotz erwiesener Fähigkeiten und Qualifikationen – die Wahrnehmung hatten, dass ihr beruflicher Erfolg nur auf den glücklichen Umständen oder einem Zufall fuße. Da war kein „Ich habe mir das verdient!”. Eher ein permanentes Zweifeln an sich selbst.

Fotografinnen werden für ihre tollen Bilder gelobt und erklären es nicht mit ihrem Können, sondern mit dem Licht, das „einfach gut war”. Für Lehrerinnen ist eine gelungene Unterrichtsstunde eher ein Zufallsprodukt als das Ergebnis ihrer exzellenten Vorbereitung. Und Gründerinnen, deren Produkt am Markt einschlägt wie eine Bombe, sehen nicht, dass sie endlich die Lorbeeren für ihre harte Arbeit ernten, sondern glauben, dass es schlichtweg „glückliches Timing” war. So nach dem Motto: Das hätte jeder geschafft.

Frauen zweifeln, Männer reklamieren die Lorbeeren

„Frauen fühlen sich fälschlicherweise als Hochstaplerinnen, ein Mann würde womöglich in der gleichen Situation sagen: ‘Ne, das war ich”, erklärte die Fachärztin und Psychotherapeutin Astrid Vlamynck in der Süddeutschen Zeitung. Klar, dass diese Männer dann eher Karriere machen oder ihren Traum von einer Gründung verwirklichen. Aber warum sollten wir Frauen ihnen diesen Weg allein überlassen?!

Auf dem Weg zu unseren Träumen sind gewisse Selbstzweifel ganz normal und sicher auch gesund – ich kenne das auch. Wobei: Sie dürfen nicht überhand nehmen! Ich erinnere mich noch an meine ersten Monate als Kosmetikunternehmerin: Die Tage verflogen wie im Rausch zwischen Labor, Büro, Messe und Meetingraum. Das war anstrengend, aber auch anregend und inspirierend. Bis ich eines Nachts aufwachte und eine starke innere Unruhe spürte. Ich musste an all die Menschen denken, für die ich als Unternehmerin jetzt Verantwortung trug. Das rasante Wachstum war wunderbar – aber es bedeutete auch eine Last, die plötzlich auf meinen Schultern lag. Ich habe diese Selbstzweifel mit Hilfe eines Coaches überwunden, der mich ermutigte: Erinnere dich daran, wie stark du bist und wie gut du diese Herausforderung annehmen kannst!

Schaut mit Wohlwollen und Liebe auf das, was ihr schon jetzt leistet! Das ist oft viel mehr, als ihr denkt.

Judith Williams

Denkmuster ändern – und ein Erfolgs-Tagebuch führen

Das Impostor-Syndrome geht über solche (natürlichen) Selbstzweifel weit hinaus. Weil es so viele Frauen (und Männer übrigens auch!) ausbremst, sollten wir uns – wenn es uns betrifft – rasch einen Weg überlegen, um diese übermäßige Unsicherheit selbst aus dem Weg zu räumen.

Die Psychotherapeutin Vlamynck rät Frauen: Verändert eure Denkmuster! „Ziel muss es sein, einen gesunden Stolz zu entwickeln.” Deshalb: Schaut mit Wohlwollen und Liebe auf das, was ihr schon jetzt leistet! Denn das ist oft viel mehr, als man gemeinhin denkt. Mein Tipp: Führt doch ein „Erfolgs-Tagebuch” ein, in dem ihr alles notiert, was ihr erreicht habt: die kleinen und die großen Meilensteine. Alles, was ihr angegangen seid und geschafft habt, findet hier seinen Platz. Und wenn euch mal wieder Selbstzweifel überkommen, könnt ihr nachlesen. Da steht’s, schwarz auf weiß: Ihr könnt stolz auf euch sein! Mit so einem Tagebuch können wir auch gut unseren inneren Kritiker austricksen, denn dieser erinnert uns meistens an die Dinge, die nicht geklappt haben. Ich finde: Konzentrieren wir uns doch lieber auf die Momente, in denen wir geglänzt haben – und halten wir sie fest!

Komplimente annehmen ist der Schlüssel zum Erfolg

Und das Wichtigste: Wir Frauen müssen lernen, Lob und Komplimente auch anzunehmen! Denn häufig wischen wir das (ernstgemeinte) Lob beiseite und tun es unbegründet ab. Wenn dir das nächste Mal jemand sagt, dass deine Schuhe schick aussehen, sag einfach: „Danke, mir gefallen sie auch” – und nicht, dass du sie zufällig im Sale ergattert hast und du dir eigentlich unsicher bist, ob sie auch zu der Hose passen. Wenn du bei der Arbeit für deine Präsentation gelobt wirst, freue dich darüber und nimm es an. Anstatt auszuführen, dass du eine Nachtschicht einschieben musstest, um rechtzeitig fertig zu werden, könntest du einfach lächeln und sagen: „Das freut mich, danke für das Feedback!”

Wenn du dich das nächste Mal dabei erwischt, wie du ein Kompliment durch ellenlange Erklärungen entkräften willst, zwicke dich heimlich in die Seite. Stop! Du hast dir dieses Kompliment anscheinend verdient. Also freue dich darüber und nimm es an!

Was mich nun natürlich brennend interessiert: Kennt ihr diese starken Selbstzweifel? Habt ihr so etwas schon mal erlebt und kommt es euch bekannt vor? Wie seid ihr damit umgegangen? Hinterlasst mir doch gerne einen Kommentar, damit wir voneinander lernen können!

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Kommentare

  1. Liebe Judith, danke für diese Worte! Ich bin gerade in einer Phase der Selbstzweifel. Ich habe gerade mein Unternehmen gegründet und fühle mich so, als stünde ich vor einem hohen Berg, den ich allein unter schwersten Bedingungen erklimmen muss. Du hast mir Mut gemacht. Weiter so!

  2. Claudia Weber 22.01.2020, 20:36

    Diesen Prozess, den du beschreibst, mache ich gerade durch 🙈 werde mich nach 25 jähriger Selbstständigkeit wieder auf den freien Markt werfen, und habe Schiss

    • Liebe Claudia,

      vielen lieben Dank für dein Kommentar!
      Das ist ein sehr mutiger Schritt und wir sind uns sicher, dass du für dich die Richtige Entscheidung getroffen hast.
      Verliere niemals den Glauben an dich selbst. Du schaffst das!

      Herzliche Grüße,
      deine live your dream Redaktion

  3. Das kenne ich im Moment zur genüge.Ich drehe mich im Kreis ,ich weiß ich kann und will es und finde keinen Anfang.Aber ich gebe nicht auf weil ich genau weiß das es funktionieren wird.In Berlin ist es halt nicht mehr so einfach ein Gewerbe zu starten wenn Frau älter ist.Aber danke für deine Blogs die sind sehr hilfreich.Ich verfolge deine Kariere schon seit Jahren und muss sagen Hut ab 😊du machst das rundum einfach prima Liebe Grüße aus Berlin von Angela

    • Liebe Angela,

      vielen lieben Dank für deinen Kommentar.
      Es freut uns sehr, dass du Judiths Beiträge als hilfreich empfindest.
      Der erste Schritt ist bekanntlich der schwierigste, gehe den ersten Schritt und du wirst merken, dass Wunder geschehen können.
      Dabei solltest du stets liebevoll mit dir selbst sein.

      Herzliche Grüße,
      deine live your dream Redaktion

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