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"Jeder Tunnel hat auch einen Ausgang"

Jorge Gonzalez steht als „Let´s Dance”-Juror für ein lockeres und leichtes Lebensgefühl. Im Interview wird der Kubaner persönlich: Er erzählt, wie er sich in Zeiten von Corona eine positive Mentalität bewahrt, wie er Rassismus in Deutschland erlebt hat – und welchen Rat seiner Großmutter er stets tief im Herzen trägt.

Jorge Gonzalez im Interview

Redaktion :Redaktion: Bei „Let’s Dance“ hast du die Zuschauer mit einer Corona-Abstand-Halter-Frisur ordentlich zum Lachen gebracht. Wie gehst du abseits vom Fernsehen mit dem Thema um?

Jorge Gonzalez :Wir müssen Corona ernst nehmen, und natürlich halte ich mich an alle Regeln und treffe Freunde zum Beispiel nur auf Abstand. Aber das Thema darf uns auch nicht runterziehen. Gerade jetzt müssen wir weitermachen und viel lachen. Wenn solche Stresssituationen kommen, müssen wir umso optimistischer sein.

Redaktion :Woher kommt dein positives Mindset?

Jorge Gonzalez :Das ist einfach meine Mentalität, die ich aus meiner Heimat mitgebracht habe. Auf Kuba wirst du geboren, um zu überleben. Auch, wenn vieles schwer ist, würden sich die Menschen dort nie beklagen. Es geht immer darum, schlechte in positive Energie umzuwandeln. In Deutschland haben viele dagegen immer was zu meckern – obwohl es ihnen hervorragend geht. Das fängt schon bei Kleinigkeiten an: Scheint die Sonne, ist es schnell zu heiß. Scheint sie nicht, ist es gleich zu kalt. Verrückt, oder? (lacht)

Redaktion :Wie erklärst du dir das?

Jorge Gonzalez :Ich glaube, die Deutschen sind zu sehr an ihr Luxusleben gewöhnt. Alles funktioniert hier, man hat sehr viele Möglichkeiten. Auf Kuba lernst du, mit dem zufrieden zu sein, was du hast. Und selbst, wenn es wenig ist: Du freust dich darüber und bist auch nicht neidisch, wenn der andere mehr hat. Im Gegenteil: Du freust dich für ihn.

Redaktion :Nichts kann dich also aus der Bahn werfen?

Jorge Gonzalez :Genau! Das Wichtigste im Leben ist: Wir müssen akzeptieren, was passiert. Punkt. Wir können nur unsere Sichtweise darauf verändern. Außerdem: Jeder Tunnel hat einen Ein- und einen Ausgang. Der Ausgang ist wichtig, denn er zeigt, dass jede Krise auch ein Ende hat. Auf Kuba haben wir dazu ein schönes Sprichwort: „No hay mal que por bien no venga“. Das bedeutet so viel wie: Auf etwas Schlechtes folgt etwas Gutes.

Redaktion :Auch wenn wir anscheinend viel über das Wetter meckern: Wie gefällt dir deine Wahlheimat Deutschland?

Jorge Gonzalez :Ich liebe es hier! Es ist ein unglaublich solidarisches und tolerantes Land.

Redaktion :Woran machst du das fest?

Jorge Gonzalez :(lacht). Schau mich an: Ich bin Ausländer, schwarz, extrovertiert, homosexuell, ein Paradiesvogel – und die Leute mögen mich! Ich habe eine unglaublich treue Fangemeinde in Deutschland, und das berührt mich sehr.

Redaktion :Seit dem Tod von George Floyd in den USA ist auch in Deutschland eine Debatte über Rassismus entflammt. Welche Erfahrungen hast du gemacht? Hast du hier schon einmal Rassismus erlebt?

Jorge Gonzalez :Ja, einmal im Zug. Ich war mit meiner Nichte unterwegs und so ein komischer Typ pöbelte schon die ganze Zeit und sagte zu uns: „Gehen Sie dorthin, wo Sie herkommen!“. Das war unglaublich! Meine Nichte ist ja hier geboren, sie ist ja Deutsche! Was aber großartig war: Mehrere Leute im Wagen sind sofort aufgestanden und haben den rundgemacht. Sie haben uns verteidigt und gesagt: „Nun reicht’s!“. Einer hat das Zugpersonal gerufen, das auch sofort kam. Das hat mich wirklich beeindruckt, diese Zivilcourage hätte ich nicht erwartet.

Redaktion :Trotzdem sagen Sie, dass es noch große Probleme gibt.

Jorge Gonzalez :Ich glaube, dass es in Schulen zum Teil noch schlimm ist, Kinder sind oft gemein. Ich sehe das an meinen Patenkindern, beide schwarz. „Da kommt der Schokoriegel” oder „da kommt der Neger” mussten sie sich schon anhören. Ich bin mir aber sicher, dass wir auf einem guten Weg sind. Es ist doch gar kein Vergleich zu den 90er Jahren. Als ich damals nach Deutschland kam, wollten die Leute meine Haare anfassen, weil sie einfach niemanden kannten, der so aussah. Ich fand das nicht schlimm, sondern lustig. Ich meine, wenn auf Kuba zu der Zeit ein blonder Junge herumgelaufen wäre, hätten auch alle geguckt.

Redaktion :Was man also nicht kennt, fürchtet man eher?

Jorge Gonzalez :Fürchten würde ich es nicht nennen. Aber es erregt natürlich Aufmerksamkeit. Heutzutage reisen alle sehr viel und man ist viel stärker an Vielfalt gewöhnt. Auch Deutschland selbst ist heute ein sehr buntes Land – was ich toll finde! Und klar ist: Jeder, der hier geboren wird, ist Deutscher. Ich glaube, wenn jemand, der anders aussieht, nicht mehr gefragt wird, wo er eigentlich herkommt, haben wir es als Gesellschaft geschafft!

Redaktion :Wie sieht es beim Thema Homosexualität aus? Wir haben die Ehe für alle – braucht es da zum Beispiel noch einen Christopher Street Day? Sind wir nicht inzwischen viel weiter?

Jorge Gonzalez :Wir sind weit, aber noch nicht weit genug. Solange „Tunte” und „Schwuchtel” Schimpfwörter sind, gibt es Einiges zu tun. Der Schlüssel zum Erfolg ist – genau wie beim Rassismus: Bildung! Die Kinder müssen schon früh lernen, dass wir alle Menschen und alle gleich sind – egal, wie wir aussehen und wen wir lieben.

Redaktion :Ihre Heimat Kuba mussten Sie damals verlassen, weil Homosexualität komplett tabuisiert wurde. Wie ist die Situation heute?

Jorge Gonzalez :Es ist zum Glück besser geworden, in den letzten Jahren hat sich viel getan. Früher herrschte im Land der totale Machismo, ein Männlichkeitswahn. Auch mein Vater war früher ein richtiger Macho, bevor er sich gewandelt hat. Er war zwar nicht gegen mein Leben, aber er hat Zeit gebraucht, um es zu verstehen.

Redaktion :Was war der wichtigste Rat, den Sie jemals bekommen haben?

Jorge Gonzalez :Es war kein Rat, sondern eine Aussage. Nur meine Oma wusste von meiner Homosexualität, und eines Tages nahm sie mich zur Seite und sagte: „Du bist gut. So wie du bist.” Das ist die Kernbotschaft meines Lebens.

Redaktion :Viele – gerade Frauen – haben Probleme damit, das anzunehmen. Schließlich sind wir – vielleicht wie beim Wetter – oft am Meckern. Uns gefällt unser Aussehen nicht, wir sind überkritisch mit unseren Leistungen. Wie lernt man, sich selbst zu lieben?

Jorge Gonzalez :„Love yourself“ ist das Wichtigste! Wenn du es schon nicht tust, wer soll es dann tun? Ich rate dazu, sich diese Botschaft „Du bist gut so wie du bist” immer vor dem Spiegel zu sagen, als kleines tägliches Ritual sozusagen. Du schließt die Augen und denkst nur an den Satz. Dann sagst du ihn, ebenfalls noch mit geschlossenen Augen. Und zum Schluss öffnest du die Augen, sagst es laut – und siehst dir dabei direkt in die Augen. Irgendwann geht es ins Unterbewusstsein. Und du akzeptierst dich, so wie du bist. Und dann wird es wunderbar!

Info Box:

Jorge González ist aus Deutschlands TV-Unterhaltung nicht mehr wegzudenken. Geboren 1967 auf Kuba, studierte González in der damaligen Tschechoslowakei zunächst Atom-Nuklearökologie und arbeitete als Model, Stylist und Choreograf. Als Fidel Castro 1990 alle kubanischen Studenten zurückholen wollte, tauchte er unter und ging nach Hamburg – seine Heimat und seine Familie durfte er acht Jahre lang nicht besuchen. Einem breiten Publikum wurde González als Catwalk-Trainer bei „Germanys next Topmodel by Heidi Klum” bekannt. Seit 2013 ist er Jurymitglied in der RTL-Show „Let´s Dance”.

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Kommentare

  1. Inge Philippi 29.07.2020, 14:21

    Jorge, du bist grandios und ein so positiver Mensch.Gabe dein Parfüm gekauft.In Form eines Highheels und der Farbe hätte das selbst mein Mann gekauft.Der ist auch so von dir begeistert und auch von Let’Dance.Ich finde die exotische Kleidung sehr spannend, mal was anderesm.Solche Menschen braucht unser Land.

    • Liebe Inge,

      vielen Dank für deinen liebevollen Kommentar.
      Das geben wir sehr gerne an Jorge weiter.

      Herzliche Grüße,
      deine live your dream Redaktion

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