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Jessica Wagener: „Setz dir keine Grenzen im Kopf“

Jessica Wagener überwand eine Scheidung, besiegte den Krebs – und verlor ihre engsten Angehörigen. Mit über 40 entschied sich die Autorin für einen harten Schnitt: Sie zog nach Schottland, um Geschichte zu studieren. Ihr Mut kann uns alle inspirieren, konsequent die eigenen Träume zu verfolgen – auch wenn der Weg dorthin nicht gerade verläuft.

Jessica Wagener im Interview

Redaktion :Jessica, du hast mit über 40 entschieden: Ich gehe in ein anderes Land und starte nochmal neu durch – mit einem Studium. Wie kam es dazu?

Jessica Wagener:Das war ein langer Prozess, den ich gar nicht zu 100 Prozent bewusst gesteuert habe. 2016 starb meine Oma, 2017 mein Opa. Sie waren für mich die Menschen, die mir am nächsten waren. Ich habe lange und intensiv um sie getrauert. Aber mit der Trauer ist es wie mit umgerührtem Kakao: Irgendwann setzt sich alles. Und da habe ich überlegt, was mir im Leben noch fehlt. Ich hatte schon eine Ehe mitsamt eigenem Haus und gepflanztem Baum hinter mir. Und war nach einer überstandenen Krebserkrankung um die Welt gereist, habe zwei Bücher geschrieben. Aber studiert? Das hatte ich noch nicht.

Redaktion :Und schon ging es los nach Schottland?

Jessica Wagener:Nein, es haben sich mehrere Dinge organisch zusammengefügt. Zum einen der Wunsch zu studieren, zum anderen sich mit Geschichte zu beschäftigen – das hat mich schon in der Schule interessiert. Und dann habe ich zufällig günstige Flüge nach Glasgow entdeckt und einen Kurztrip dorthin gemacht. Als ich in der Stadt ankam, habe ich eine Befreiung gespürt. Ein Ort muss zu einem Menschen in der jeweiligen Lebensphase passen. Und für mich war Glasgow, als wenn ich nach einem üppigen Essen in engen Jeans nach Hause komme und eine Jogginghose anziehe. Ich konnte wieder atmen! Glasgow ist für mich frei von Krankheit, Tod und Trauer. Ich habe mich einfach überraschend wohl gefühlt in dieser Stadt: freundliche Menschen, tolle Architektur, interessante Geschichte, gutes Essen. Zu Hause saß ich später auf meiner Bettkante und die drei Dinge haben sich im Kopf verbunden: Studium, Geschichte, Glasgow.

Redaktion :Du hast dann neben vielen 18-Jährigen deinen ersten Tag an der Uni gehabt. Wie war das?

Jessica Wagener:Gar nicht so schwer. Die Uni hat mir immer vermittelt: Es gibt kein Problem, das wir nicht lösen können. Im Vorbereitungskurs für Menschen, die nicht direkt aus der Schule kommen, hatte ich auch schon Leute in meinem Alter kennengelernt. Hier gibt es noch mehr Erstsemester, die weit über 30 sind. Inzwischen habe ich meine feste Crew.

Redaktion :Welcher Typ Studentin bist du?

Jessica Wagener:Ich bin ehrgeizig, interessiert und enthusiastisch – vielleicht im Unterschied zu manchen 18-Jährigen. Aber manchmal habe ich Probleme mit dem Zeitmanagement. Dienstag bis Freitag sind Vorlesungen und Seminare, montags, abends und oft auch am Wochenende schreibe ich als freie Journalistin. Ich muss ja Geld verdienen und von irgendwas leben. Und ich wohne auch nicht im Wohnheim. Da ist jede Nacht Remmidemmi – das muss ich nicht mehr haben.

Redaktion :Warum hast du dir diesen großen Schritt zugetraut?

Jessica Wagener:Wegen mehrerer Erfahrungen in meinem Leben. Zuerst hat mich der Krebs gelehrt: Wir haben nur ein Leben – und das ist endlich. Als Krankheit, OPs und Behandlungen vorbei waren, habe ich in Rio Samba getanzt, New York erkundet und dann mein erstes Buch Narbenherz“ geschrieben. Es war einfach schön, die Welt zu sehen. Drei Jahre später lag meine Omi im Sterben und sagte zu mir: Ich wünschte, ich hätte mehr für mich gemacht.“ Seitdem ist das mein Kurskorrektor in allen Fragen: Was will ich sehen, wenn ich auf mein Leben zurückblicke?

Redaktion :Du betrachtest dein Leben vom Ende her?

Jessica Wagener:Ja, denn in den meisten Fällen bereust du Sachen, die du nicht gemacht hast. Und da fällt mir noch etwas ein: Mit Mitte 20 habe ich geholfen, die Wohnung der verstorbenen besten Freundin meiner Mutter auszuräumen. Da fiel mir deren Lebenslauf in die Hand, darin stand: „Nach Spanien gegangen, Kneipe aufgemacht, hat nicht geklappt, zurückgekommen“. Auch das hat mich inspiriert.

Redaktion :Lässt sich dieser Mut erlernen?

Jessica Wagener:Ich glaube, sowas ist ein Stück weit in der Persönlichkeit verankert und ein Stück weit erlernt. Zuerst mal sind gute Freunde wichtig. Die geben mir Sicherheit. Außerdem bin ich ein resilienter Mensch, habe also eine gewisse Widerstandskraft. Und dann sollte man sich nicht schon von vornherein gedanklich beschränken. Nicht alles, was du dir vorstellst, musst du ja direkt machen. Meistens aber kommen wir gar nicht auf Ideen, weil wir uns selber im Kopf zu enge Grenzen setzen. Wer sich traut, Visionen zu entwickeln und Teile davon einfach mal auszuprobieren, kommt viel weiter, als geahnt. Versprochen.

Redaktion :Wie stellst du dir deine Zukunft vor, sagen wir in fünf Jahren?

Jessica Wagener:Diese Frage klingt für mich nach ziemlichem Quatsch, vor allem nach diesen Schicksalsschlägen. Ich weiß doch nicht, ob ich in fünf Jahren noch gesund bin. Mein Weg verläuft im Zickzack und ich bin offen für spannende Weggabelungen. Gerne würde ich nach dem Uniabschluss zum Beispiel Besucher durch Denkmäler führen und ihnen die Geschichte des Ortes erzählen. Momentan ist es mein Traum, irgendwann mit einem Labrador in einem Cottage zu wohnen und Bücher zu schreiben. Und wer weiß? Vielleicht klappt’s ja.

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